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Bettina Kremberg  
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Seminar SS 2010

Der Begriff der Würde

 

Die griechische Antike (Vorsokratiker, Platon, Aristoteles) kennt den Begriff der Menschenwürde nicht.

  1. Römische Antike (Cicero)   

Würde hat vorrangig anthropologische und politische Dimension
a) anthropologisch: Menschenwürde im Sinne einer Vorrangstellung und Würde der menschlichen Natur gegenüber dem Tier (excellentia et dignitas)
b) politisch: Würde eignet zuerst dem Staat (dignitas rei publicae; dignitas populi Romani; dignitas imperii); Würde gilt als Abgrenzung gegenüber anderen Staaten nach außen sowie der römischen Staatsbürger untereinander (innen bringt er Stufungen in gesellschaftlichem Rang und Ansehen = Grade an Würde (dignitas gradus) zum Ausdruck)
allg.: Dignitas ist v.a. mit der Nobilität, dem erblichen Adel, verbunden; sie ist steigerungs- und minderungsfähig und man kann ihr sogar verlustig gehen (Würde der Würdigkeiten); als integrales Moment des politischen Selbstverständnisses verbindet sich Würde mit einer gewissen Sittlichkeit: Würde zeigt sich etwa in der vernunftgemäßen Beherrschung der Leidenschaften (Kardinaltugenden), in der Wahrung des rechten Maßes (Mesoteslehre); aber auch in einem entsprechenden Auftreten (Oikeosislehre); sie wird darüber hinaus in Kunst und Architektur repräsentiert und bekundet sich in Geschichtsschreibung, Poesie und Rhetorik (Synthese von Anmut und Würde in der Darstellung)

Während der römischen Kaiserzeit ist ‚dignitas’ lediglich noch Titel für die politische Ämterlaufbahn; in der Spätantike fungiert ‚notitia dignitatum’ nur mehr als Bezeichnung für militärische und politische Dienstränge und Gehaltsstufen

  1. Mittelalter

Die im Mittelalter mit dem Würdebegriff verknüpfte politische Theologie hat nur sehr entfernt etwas mit dem Würdebegriff der klassisch-römischen Antike zu tun. Ihr zentraler Gedanke – die Würde sei unsterblich – revidiert geradezu ein Grundmoment der Ciceronischen Würde-Konzeption

- Grundsatz: dignitas numquam perit bzw. dignitas non moritur (röm. Kanonisten des 13. und 14. Jh.), d.h. Papsttum und bald dann auch Königtum gelten als von Kontingenzen und Tod unerschütterbare Institutionen: zwar sind die Amtsinhaber sterblich, Amt und Würde aber bestehen weiterhin
- theologische Würdebegriff gründet seit der Patristik im Gedanken der Vollkommenheit der Schöpfung
- der Mensch ist gottebenbildlich, deshalb hat der Mensch besondere Würde vor dem Sündenfall und dieser ursprüngliche Zustand soll durch Erlösung wiedererlangt werden
- die Gottebenbildlichkeit drückt sich durch Vernunfttätigkeit und Willensfreiheit aus

(Im Mittelalter und in der Renaissance wird thematisiert, welche Würde der Frau – bei gänzlich abgesprochener oder nur eingeschränkt zugestandener Vernunft – zukommen kann. Verfechter und Verteidiger (z.B. Agrippa von Nettesheim und M. de Gournay) konnten theologisch für die gleiche Würde (la meme dignité) von Männern und Frauen argumentieren, das jedoch nicht daran hinderte, zwei Jahrhunderte später die weibliche Würde in der Unterordnung unter den Mann zu verorten.)

  1. Reformation und Renaissance

Während im Protestantismus der an die Freiheit geknüpfte Würdebegriff abgelehnt wurde und deshalb kaum verwendet wird, bleibt er in der katholischen Welt bis in die heutige Zeit hinein prominent.

In präzisem Widerspruch zur Tradition römischen Denkens und in strikt theologischer Absicht verbindet Martin Luther den Würdebegriff mit dem Gleichheitsgedanken (altitudo dignitatis Christianae), d.h. die gleiche Teilhabe aller Glaubenden am königlichen und priesterlichen Amt Christi.

Derjenige, der den Begriff der Würde des Menschen (dignitas hominis) als erster formuliert, ist Giovanni Pico della Mirandola. Die Würde des Menschen gründet nach Pico darauf, dass die Natur des Menschen darin liegt, dass der Mensch keine festgelegte Natur hat, dass er die Freiheit hat, sein Wesen selbst zu schaffen. Daher macht die Selbstbestimmung des Menschen die Würde des Menschen aus. Es gilt dabei, sie nicht zu verspielen, sondern ‚engelsgleich’ zu werden und so über einen dreistufigen philosophischen Weg (purgatio, illuminatio, perfectio) gottgleich zu werden (Kosmologie und Leitermodell).

  1. Aufklärung

Samuel Pufendorfs Konzeption der Würde der ‚moralischen Person’, die auf der Ontologie des moralischen Seins der Scholastiker basiert, kehrt dann wieder in Kants Begriff einer jedem Menschen als sittlichem Vernunftwesen zukommenden Würde. Es steht gegen gegen die etwa in der Formel ‚Amt und Würden’ zum Ausdruck kommende Beziehung des Würdebegriffes auf das mit einem Amt verbundene Ansehen.

Thomas Hobbes setzt Würde mit dem öffentlichen Wert eines Menschen in eins.

Für Immanuel Kant ist Würde eine schlechthin unverlierbare Auszeichnung des moralischen Menschen; der Mensch ist Zweck an sich (dignitas interna) und hat keinen Preis, sondern einen inneren unersetzbaren absoluten Wert, der durch die Autonomie begründet wird. Der Mensch ist Selbstzweck und sein guter Wille ist Wert an sich und zugleich Zweck in sich. Kant geht es in Anverwandlung des reformatorischen Impetus um die eine und gleiche Würde, verstanden als schlechthin unverlierbare Auszeichnung des moralischen Menschen als homo noumenon. Als dignitas interna hat Würde nicht nur einen relativen Wert, sondern einen inneren bzw. absoluten Wert. Die Autonomie begründet die Würdigkeit eines jeden vernünftigen Subjekts, ein gesetzgebendes Glied im Reiche der Zwecke zu sein, und führt von der Moralphilosophie ins Feld der Religion. Der universelle Charakter der Würde liegt darin, dass in jedem einzelnen Menschen das menschliche Gattungswesen repräsentiert ist und er damit aufgefordert ist, dass die Würde der Menschheit in seiner und anderer Personen zu ehren ist.

Für Schiller ist Würde Ausdruck eines menschlichen Selbstverhältnisses, das das Sinnliche dem Sittlichen unterordnet (wie bei Kant), ohne es jedoch zu bezwingen: Anmut erhält von der Würde ihre Beglaubigung und Würde von der Anmut ihren Wert. Schiller setzt Kants Pflichtethik die Neigung zur Pflicht gegenüber. Würde ist Ausdruck einer erhabenen Gesinnung. Würde ist für Schiller keine idealistische Träumerei, sondern aufbauend auf der Befriedigung elementarer Bedürfnisse und der Überwindung materieller Not.

  1. Deutscher Idealismus

Georg Wilhelm Friedrich Hegel aktualisiert die traditionelle politische Bedeutung des Würde-Begriffs, indem er die Religion als Würde der Völker versteht. Damit aktualisiert Hegel auf seine Weise wiederum eher die traditionelle politische Bedeutung des Würdebegriffes.

Fichte leitet die Bestimung des Menschen aus dem guten Willen, der allein Prüfstein aller Wahrheit und Überzeugung sein kann, da weder das von anderen überkommene Wissen noch das aus mir selbst heraus reale Gewissheiten verschaffen kann. (Wissen kann zwar Irrtümer zerstören, aber keine Wahrheit geben). Gewissheit bringt allein der ‚Glaube’ als Organ der Realität, weil es ein bestimmtes Wissen überhaupt erst gelten lassen kann. Insofern beruht die Bindung an ein bestimmtes Wissen zur Gewissmachung einer Realität auf einem Entschluss des Willens. Aus diesem Gewissen allein stammt dann Wahrheit, die, weil die Vernunft des Menschen nötigend ist, die Einheit und Vollendung der Würde der menschlichen Natur darstellt. Das heißt, die Natur des Menschen besteht darin, etwas zu wollen und ragt damit in eine Zukunft hinein, ist um der Zukunft willen. Insofern ist jedes denkende Wollen eine Tat. Im Willen zur Gewissmachung liegt die absolute Forderung einer besseren, d.h. vernünftigeren Welt. Es ist im Menschen selbst angelegt, würdig zu werden, d.h. gut und vollkommen, kultiviert und sittlich. Die absolute Freiheit des Willens ist das Prinzip des menschlichen Lebens: Ich handle! Ist ihr Primat. Dass der Mensch seinen Körper und Geist veredelt, alles in Ordnung und Harmonie bringt, ist Ausfluss seiner Humanität. Der Mensch ist insofern Majestät und Gottheit.

  1. 19., 20. und 21. Jahrhundert

Die nachkantische philosophische Debatte (affirmativ oder kritisch) bestimmt Würde in den meisten Fällen mit differierenden Akzentsetzungen an Facetten der römischen dignitas:
a) F.Tönnies unterscheidet z.B. verschiedene, aber kontinuierliche Stufenfolge von Würde, die sich aus der Einheit der Gemeinschaft ableiten
b) C. Schmitt sieht die überpersönliche Dignität des Staates in seiner Wertbezogenheit und der Wertintentionalität seiner Akte begründet: die Würde des Staates bestimmt sich daraus, wie der Einzelne sich an die überindividuelle Gesetzlichkeit des Staates hingibt
c) H.Arendt benutzt den Begriff von der ‚Würde des Politischen’ als einem Raum der öffentlichen und genuin politischen Freiheit
d) Ch.Taylor versucht, den Begriff der Würde an die demokratische Gesellschaft zurückzubinden und deutet ihn als Bürgerwürde (citizen dignity)
e) A. Margalits Appell an die Gesellschaften lautet, dass ihre Institutionen den Menschen Achtung entgegenbringen soll und sie so zu strukturieren, dass sie Menschen nicht demütigen

Es gibt aber auch Anknüpfungspunkte an das religiöse Paradigma der Gottebenbildlichkeit

  • 19. Jh.: Tierrechtler wie K.Ch.F. Krause stehen dafür ein, dass alle endlichen Wesen göttliche Wesenheiten und damit Ebenbilder darstellen, deshalb muss der Mensch aus dieser Verwandtschaft mit der lebendigen Kreatur auch im Umgang mit diesen Konsequenzen ziehen, denn alles Leben ist Zweck an sich selbst (auch im 20. Jh. Sind Tiere für Ethiker wie P. Singer und T. Regan ‚independent sentient beings’ und nicht ‚meins to human ends’ – dabei stützen sie sich jedoch eher auf J. Benthams Philosophie als auf einen Würdebegriff)
  • 20. Jh.: auch ganzen Ökosystemen wird ontologische Dignität zugesprochen, deshalb gibt es für einige Philosophen auch eine Würde der Natur, eine Eigenwürde, die der Willkür menschlicher Macht und Machbarkeit entgegensteht; mit dem Begriff der ‚Würde der Kreatur’, wie er seit 1992 neben der Menschenwürde in der Schweizer Verfassung steht, wird der Würde-Begriff auf die gesamte organische und anorganische Natur ausgedehnt und geht auf den biblischen Schöpfungsbericht zurück; für Hans Jonas ist die neu entdeckte Schicksalsgemeinschaft von Mensch und Natur durch Forschungen der Wissenschaft in den Mittelpunkt gerückt worden. Sie haben die Natur zur Indifferenz von Notwendigkeiten und Zufall reduziert und aller Würde von Zwecken entkleidet, weshalb man die Eigenwürde der Natur wiederentdecken muss, die der Willkür menschlicher Selbstermächtigung entgegensteht
    • d.h. in den aktuellen ethischen Debatten wird die Vorrangstellung des Menschen relativiert
    • außerdem wird die Würde-Debatte auch auf das werdende menschliche Leben ausgeweitet

 

 

 

 

          

 

                       

                     

                            

                         

                        

                        

                           

                           

                         

                         

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Teilnehmer:

BA-Studiengang Pädagogik und Magister-Studiengang Philosophie

Textgrundlage:

siehe Reader

Leistungsnachweis:

In der Veranstaltung ist der Erwerb eines benoteten Seminarscheines (Hausarbeit) oder eines Teilnahmescheines (Referatübernahme) möglich.

Sprechstunde im SS 2010 in Chemnitz:

Die Sprechstunde im SS 2010 finden nach Vereinbarung statt. Kontaktieren Sie mich bitte unter: bettina.kremberg@phil.tu-chemnitz.de