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von
BETTINA KREMBERG
"Mit Zweien beginnt die Wahrheit", schrieb Friedrich Nietzsche. Er hatte Recht damit. Das bestätigen nicht nur Philosophen- und Dichterkollegen, sondern auch zunehmend mehr Sprech- und Spachwissenschaftler sowie Gesprächstherapeuten. Letztere versuchen u. a., Paaren im konkreten privaten Beziehungs- und Geschlechterkonflikt zu helfen, indem sie – Nietzsche gemäß – die Ehe als ein langes Gespräch verstehen und Zwiegespräche der Partner zur wichtigsten Bedingung für den Erhalt der Liebe deklarieren. Sprach- und Sprechwissenschaftler verfolgen dagegen weniger anwendungsbezogene und direkt- therapeutische Ziele. Sie beschreiben vielmehr Gesprächsstile und Körpersprachen aus wissenschaftlicher Perspektive. Sprechwissenschaftlerin Christa Heilmann beispielsweise thematisierte das Ganze u. a. aus geschlechtsspezifischer Sicht als gegenseitige "reziprok-dialogische Kommunikationsfigurierung". Sprachwissenschaftler schließlich abstrahieren vollständig von Anwendung und Empirie. Ihr Interesse richtet sich auf die Sprachstruktur im Allgemeinen. Alle drei Richtungen sind motiviert, Unterschiedlichkeiten im Auftreten, im Handeln, in der Sprache von Menschen zu beschreiben, zu erklären und verstehbar zu machen. Dies ist u. a. deshalb interessant, weil mit der unterschiedlichen Ausrichtung auch unterschiedliche Konsequenzen verknüpft sind, z. B. in Bezug auf die Betrachtung der gesellschaftlichen oder privaten Stellung von Personen, von Hegemonialansprüchen oder Ausgrenzungsverhalten, von individuellen oder kollektiven psychischen Störungen usw. So wird aus den verschiedenen Richtungen z. B. gefragt, warum bestimmte Gesprächsstile zu Anerkennung, Prestige oder einer herrschaftlichen Position führen, andere aber nicht. Dabei wird die Differenziertheit oftmals noch immer im dominanten Rückgriff auf die verhaltens-biologischen Residuen unserer "tierischen Vorfahren" beschrieben, oder kognitiv-mentalistisch erklärt. Doch weder ein methodischer Individualismus noch kollektiver Mentalismus noch Neuro- oder Verhaltensbiologismus sind imstande, Sprache als spezifisch menschliche Praxisform und Sprechen als individuelle Aktualisierung dieser Form, und zwar als Sprechhandlung – und nicht als Sprechverhalten – umfassend verständlich zu machen. Dazu gehört es auch, die verschiedenen Konstitutionsbedingungen zu untersuchen.
I.
Als weibliches Mitglied der scientific community interessieren mich besonders die Konsequenzen dieser Verschiedenheit von Gesprächsstilen und Körpersprache vor allem unter geschlechtsspezifischen Aspekten, wobei empirische Studien den Blick für bestimmte Problemkonstellationen schärfen können. Christa Heilmanns Konzept der Wechselwirksamkeit von weiblicher und männlicher "Sprache" finde ich dabei besonders spannend. Es stellt das Phänomen der Geschlechterkonstitution nicht als ein für allemal gegeben und starr dar, sondern als ein komplexes und lebendiges Bedingungsverhältnis. Das, was als männlich gilt, und das, was als weiblich gilt, konstituiert sich gegenseitig u. a. über Zuweisungen, Ausgrenzungen, Bewertungen und Erwartungen.
Damit wird nicht nur die biologistische Defizithypothese, nach der Frauen – gemessen an männlichen Normen – defizitär sprechen, sondern auch die psychologische Differenzhypothese, nach der Männer und Frauen ewig geltende differente Sprachmuster bedienen, verworfen. Die sprachliche Konstitution von Geschlechtlichkeit ist vielmehr das Ergebnis eines komplementären Wechselspiels im Rahmen von sozialen Interaktionen, an dem neben der Geschlechtlichkeit auch andere Kategorien wie Alter, ethnische Zugehörigkeit, Profession, sozioökonomische Situation usw. beteiligt sind.
Unter dem Titel "...und der Körper redet immer mit. Körper und Kommunikation" hat Christa Heilmann auf der Wissenschaftlerinnenwerkstatt 2004 ihr Konzept der "wechselseitigen Figuration" in Kommunikationsprozessen vorgestellt. Mit uns gemeinsam war sie auf Spurensuche für eine Antwort auf die Frage, wie normierende und musterbildende Einschreibungen in den Körper und durch den Körper in dialogischen Gesprächen geschehen. Sie unterschied dabei zunächst zwei Ebenen der Teilhabe des eigenen Körpers an Gesprächsprozessen: den "wahrnehmenden Körper als Erkenntnissubjekt" und den "Körper in seiner Ausdrucksfunktion". Im Unterschied dazu wird der Gesprächspartner vis-à-vis über seinen Zeichencharakter als Erkenntnisobjekt fokussiert. Kommunikative Wertungen entstehen erst in dieser dialogischen Wahrnehmung des jeweils Anderen.
Drei Entwicklungslinien, die historisch parallel verliefen und sich teilweise vernetzt vollzogen, lassen sich nach Heilmann als Vorgänger des heutigen Körperkonzeptes in der Gesprächsforschung skizzieren: eine rhetorische, eine physiognomische und eine sprachphilosophische Linie. Im Folgenden zeichne ich Heilmanns Argumentationslinien kritisch nach.
Seit der antiken Rhetorik befassen sich die Autoren mit der körperlichen Ausdrucksfähigkeit wie z. B. Mimik und Gestik in der Rede. Später wird Gestikulation nach unterschiedlichen Regionen des Körpers differenziert. Diese sogenannte Chironomie stand im Dienste einer regelhaften Hervorbringung des Sprechens. Bewegungen wurden als abhängig von der Situation des Sprechers (Ort und Zuhörerschaft) und von den einzelnen Redeteilen betont. Dies geschah nach Anpassung an einen bestimmten Maßstab. Seitdem kann man von einer Erforschung der Verbindung von der sogenannten "Rhetorizität des Körpers" mit der "Performanz der Rede" und der "situativen Konstitution in Form von Körperrhetorik und Sprachkörper" reden. Die lange Rezeptionsgeschichte dieser Chironomie mit deren Grundsatz der Präskription, also der Normierung, von verbalem und non-verbalem Sprechen, führt bis in unsere Zeit.
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts geschieht eine Veränderung. Jetzt wird zwischen rednerischem Vortragsstil und schauspielerischer Darstellung bezüglich der körperlichen Ausdrucksformen strikt unterschieden. Es setzt eine Wende zur Individualisierung der Gestikulation ein. Dieser Wandel ist mit einer Gegenbewegung gegen die Tradition verbunden, nämlich mit einem Rückzug von Körpersprachnormierungen, also mit einem Rückzug von festen Vorschriften für Sprechhandlungen. Doch obwohl die Körpersprache den individuellen charakterlichen Ausdruck einer Person mehr betont als früher, erkennen wir auch heute durchaus noch signifikante (z. B. geschlechtsspezifische) Unterschiede im Ausdruckshandeln.
Zwar interessierte sich auch die Antike bereits für den Zusammenhang von Ausdrucksmöglichkeiten und Charakter einer Person, doch der zentrale Einfluss auf die Beschäftigung mit der Physiognomie kam erst im 18. Jahrhundert und ging von Johann C. Lavater aus. Der zentrale Leitgedanke war die Annahme eines Zusammenhangs zwischen der äußerlich wahrnehmbaren Beschaffenheit und Proportion der Physiognomie und emotionalen bzw. charakterlichen Dispositionen von Personen. Von da ab wurde die Physiognomik Gegenstand der Ausdruckspsychologie. Neu war die Verschiebung des Augenmerks vom gestalteten Produkt (Text) zum gestaltbaren Prozess (Gespräch). Physiognomien wurden zunehmend nicht mehr als "angeboren" verstanden, sondern als ein sich in der Zeit vollziehender Einschreibungsprozess. Somit konnte nach und nach auch der sprechende Körper, sei es der eigene oder ein fremder, in den Fokus der Forschung rücken.
Historisch gesehen werden seit Platon Sprachursprungstheorien entwickelt, die immer auch körperliche Aspekte mit berühren. Ein tatsächliches Körperkonzept ist jedoch nicht überliefert: weder in der Philosophie noch Rhetorik noch der Psychologie. Da die Frage nach sprachphilosophischen Aspekten des Körperkonzepts immer vom Kontext der Körper-Geist-bzw. Leib-Seele-Debatte überschattet wurde, war Heilmann zufolge von hier aus nicht die Entwicklung eines Körpersprachkonzeptes zu erwarten.
Wie wir wissen, bedarf das Sprechen einerseits eines körperlichen Trägers, eines Sprechers, und andererseits der Leiblichkeit des Sprechens. Die leibliche Präsentation des Körpers ist dabei bi-funktional; sie wird zum Zeigenden wie Gezeigtem. Aus diesem Grunde erweist sich die begriffliche Trennung von körperlich mitkonstituiertem Sprechakt und sprachlich mitkonstituiertem Körper als konstitutives Bedingungsverhältnis. Körper sind nicht nur Material und Mittel zum Ausführen von Sprechhandlungen. Vielmehr ist der leibliche Vollzug ebenso eine Selbstpräsentation des Körpers wie der verbal ausgedrückte Gedanke. Dass nicht nur der Geist, sondern auch der Körper spricht, erweitert demzufolge die Bedeutungsdimensionen. Die Leiblichkeit des Sich-ausdrückens konnte nur zum Thema der Philosophie werden, indem das entkörperlichte System Sprache um die Dimension des Verstehens der Vielfalt menschlicher Kommunikation erweitert wurde. Dazu haben Feminismus und Genderforschung beigetragen, meint Heilmann.
Ebenso wie die Philosophie hat sich auch die Linguistik erst spät den dialogischen Prozessen von Sprache und Sprechen zugewandt. Lange Zeit standen hier Untersuchungen zur Syntax und Semantik des Sprachsystems im Allgemeinen im Vordergrund des Interesses. Erst in jüngerer Zeit wurden paralinguistische (stimmliche) und extralinguistische (körpersprachliche) Parameter des Gesprächs in die wissenschaftlichen Untersuchungen mit einbezogen. Die sprechwissenschaftliche Gesprächsforschung berücksichtigte zwar immer auch Körper- und Stimmausdruck, entwickelte jedoch nie eigens Körperkonzepte und methodische Untersuchungsansätze für deren Erforschung. Dies geschah erst in den letzten Jahren mit Untersuchungen über Pragmatik und Kontextualität der Sprache sowie der Thematisierung des Körpers jenseits der philosophisch geprägten Leib-Seele-Debatte.
Körper zeigen nicht nur die eigene Performativität, sondern figurieren auch das Gegenüber mit, ist die Hauptthese Heilmanns. Im Kommunikationsprozess geschieht ein Wechsel zwischen Bezeichnungen, Verweisungen, Zeigendem und Begleitendem, Bedeutung, Ausdruck und Eindruck. Ein Spannungsfeld entsteht zwischen dem Eigenen und dem Fremden, der Intentionalität und der Okkasionalität, der Eigenfiguration und der Fremdfiguration. So ist besonders in stark konfligierenden Gesprächssituationen ersichtlich, dass neben dem Sachverhalt, um den es geht, der eigene Standpunkt und die ganze Person hinterfragt wird, damit wird aber oft auch der Blick auf sich selbst und vom Anderen her antizipiert. Die Spanne zwischen verständnisvoller Einsicht und instrumenteller Manipulation ist dabei weit und noch nicht genug erforscht.
Die für die Ethik und ihre modernen Anwendungsbereiche hochbrisante Frage ist nicht, ob sich menschliche Körper vollständig und willkürlich konstruieren und manipulieren lassen, sondern ob sich Menschen einen gewissen Grad von Unverfügbarkeit bewahren sollten, oder nicht? Dass sich offenbar Muster von Konventionalisierungsprozessen ausmachen lassen, die sich in die Körpersprache eingeschlichen haben, belegt weder das eine noch das andere. Zu erforschen sind solche konventionalisierten Bewegungsmuster aber, weil sich in ihnen der Prozess der individuellen Interpretation wahrgenommener Ausdrucksbewegungen besonders gut ablesen lässt. Die Erforschung der Dynamik von Musterbildungs- und -veränderungsprozessen in Kleingruppen, z. B. Paaren, Familien, Cliquen und kleinen Arbeitskollektiven, stützt Heilmanns These der reziproken Figurierung besonders augenfällig.
Allerdings, so gibt Heilmann zu bedenken, lässt sich die Wirkung des sprechenden Körpers nicht so einfach, monofaktiv, parametrisieren. "Die ‚tolle Ausstrahlung‘, die eine Person haben kann, entsteht nicht durch die Summe einzelner Merkmale. Das Zusammenspiel der Körperzeichen mit der Intensität ihres Vollzugs, der Weise ihrer Setzung, dem Tempo ihres Verlaufs, der Rückbezüglichkeit auf die Impulse des Gegenübers, der Sinnlichkeit ihres Ausdrucks und ihren soziokulturellen und biographischen Einschreibungen bilden eine Komplexität, die sich der eindeutigen Lesbarkeit verweigert. Erziehung, Selbstsicherheit, Authentizität, Rollenverständnis, gesellschaftliche Akzeptanz, um nur die wesentlichsten Aspekte zu nennen, erweisen sich als Faktoren, welche die Gesamtwirkung sprechender Körper mitbestimmen und in ihren jeweiligen Anteilen nicht dekonstruierbar sind." Als wesentliche Desiderate der gesprächsanalytischen Forschung hebt Heilmann deshalb folgende Themenkomplexe hervor: das Verhältnis von Eigenfiguration, Fremdfiguration und soziokulturellen Einschreibungen; die Konstruktion von Körperlichkeit in reziproker Dialogizität und der Anteil sinnlicher Spezifik an körperlicher Setzung.
Bezogen auf die konkreten Lebens- und Arbeitssituationen von Frauen in der Wissenschaft im Vergleich zu ihren vorwiegend männlichen Kollegen stellen sich in diesem Zusammenhang spezielle Probleme, denn nicht selten führt beispielsweise geschlechtsbezogen "ungenaues" Formulieren zu Missverständnissen, Irritationen und kommunikativen Störungen in Gesprächssituationen.
Über einige der Ursachen dieser geschlechtsspezifischen Unterschiede Bescheid zu wissen, öffnet und verschließt zugleich bestimmte Handlungsspielräume, könnte man Heilmann ergänzen. Dass das Bewusstmachen von Mustern und Zusammenhängen im Verhalten einzelner oder Gruppen Handlungsspielräume eröffnet, liegt auf der Hand, denn erst so offenbaren sich verschiedene Handlungsoptionen als Möglichkeiten freier Wahl. Dass das Bewusstmachen von Optionen aber auch Handlungsspielräume verschließen kann, ist nicht sofort einsehbar. Offensichtlicher wird dies aber, wenn das Bewusstmachen von Verhaltenskonventionen eine allzu starke Ablehnung dieser oft kulturell vorgegebenen und eben nicht selbst getroffenen Vereinbarungen hervorruft – oder aber im Gegenteil eine überzogene Identifizierung mit diesen Konventionen. Die zu starke Identifizierung bekommt dann eventuell einen instrumentellen Charakter (z. B. beim Einsetzen weiblicher Reize in wissenschaftlichen Arbeitskontexten), oder sie verkehrt sich unter vermeintlicher Kontrolle des Bewussteins ins Gegenteil, also z. B. zu einer überzogenen Art pubertär-emanzipativer Ablehnung jeglicher Regeln bzw. der diese Regeln und Normen verkörpernden Personen.
Beide Male wird wirkliches authentisches Handeln dadurch verstellt, dass das Bewusstsein nunmehr zwanghaft nur noch auf das eigene Verhaltensrepertoire fokussiert. Aber erst indem die bewusst gemachten Verhaltenskonventionen und deren Adaptionsmöglichkeiten in einem kooperativen und kommunikativen Prozess lebenspraktisch (v)erarbeitet, neue Verhaltensmuster habitualisiert und in diesem Sinne dann "vergessen" werden, kann eine Person ein wirklich authentisches Selbstverständnis gewinnen bzw. wiedergewinnen. Nichts anderes meint nebenbeibemerkt das schillernde Wort Bildung. Sie kann verstanden werden als eine Art "unbewusstes Sediment" der Haltung zu sich selbst und zu anderen. Bildung ist deshalb auch nie Verdienst eines Einzelnen oder reines Phänomen der Verinnerlichung, sondern meint vielmehr die Fähigkeit zur freien Kooperation mit anderen Personen in einem Gemeinschaftsprojekt und eine gewisse Offenheit für Figurationsprozesse. Damit wäre sowohl das Festhalten am Projekt der (Selbst-)Aufklärung weiterhin legitimiert als auch die Gefahr thematisiert, die von einer allzu stark entfremdenden oder die Allgemeinheit überfordernden Revolutionierung der Konventionen ausgeht.
Ich bin davon überzeugt, dass für das Selbstverständnis junger Wissenschaftlerinnen schon viel gewonnen wäre, wenn sie weniger die Normvorgaben zu erfüllen als mitzubestimmen suchten. Die Situierung der spezifischen Probleme und Akzentsetzungen von Wissenschaftlerinnen würde nicht nur neue Handlungsspielräume eröffnen, sondern auch ein anderes Konzept der Verantwortlichkeit in den Wissenschaften etablieren. Wissenschaftlerinnen verstünden sich dann mit ihrer Praxis nicht mehr länger als defizitär gegenüber der männlichen Welt der Wissenschaft, aber auch nicht als völlig different zu ihr. Vielmehr könnten sie sich als mitkonstituierender und deshalb mitverantwortlicher Pol des wechselseitigen Bedingungsverhältnisses unserer uns gegenseitig prägenden Geschlechterkategorien "männlich" und "weiblich" begreifen, die auch in der sozialen Praxis der Wissenschaften wirken.
II.
Christa Heilmann verfolgt ihr Projekt der reziprok-dialogischen Kommunikationsfigurierung u. a. im Rahmen von Untersuchungen über die Erforschung der Konstruktion von Geschlechtlichkeit beim konkreten Sprechen einerseits und der Sprache als System andererseits. Dies lässt sich in etwa gleichsetzen mit der Unterscheidung von parole und langue bzw. langage, die wir aus Saussures Linguistik kennen. Sprache wird mit langue analogisiert und als System und Struktur beschrieben, in dem man sich qua Gebrauch von Wörtern und sinnvollen Sätzen je schon befindet. Geschlechtermarkierungen auf dieser Ebene werden z. B. innerhalb der deutschen Sprache über drei Möglichkeiten ausgedrückt: mittels lexikalischer Mittel, mittels grammatischer Mittel und durch Wortbildungwerkzeuge. Sprechen hingegen lässt sich mit parole übersetzen und bezieht sich bei Heilmann statt auf den einzelnen Sprechakt auf den dialogischen Sprechprozess selbst. Das Sprechen umfasst dabei unterschiedliche Aspekte. Es ist zum einen die aktuelle Realisierung des Systems Sprache auf der Ebene der Mündlichkeit, zum anderen der physiologische Laut- und Stimmerzeugungsablauf.
Auf der Ebene der Sprache verweist Heilmann darauf, dass im Deutschen bei der Verwendung des sogenannten "generischen Maskulinums", also der grammatikalisch männlichen Form, sowohl speziell alle männlichen Vertreter (z. B. "Lehrer" oder "lieber Leser") als auch alle weiblichen Personen (z. B. "alle Lehrer dieser Schule") im Sinne eines Oberbegriffs mitgemeint sind. Geht es dagegen um die Gruppe der weiblichen Individuen, werden diese grammatikalisch besonders markiert durch das Anhängen der Endung "–in" z. B. bei "Lehrerin". Das "Mitmeinen" tritt auch in anderen Sprachen auf und betrifft nicht nur Personen, sondern auch Sachverhalte. Z. B. bedeutet "14 Tage krank zu sein" nicht, dass man in den dazwischen liegenden Nächten plötzlich immer wieder gesund ist usw. Die Nächte werden also mitgemeint.
Heilmann resümiert: "Infolge dieser assoziativen Bindung zwischen grammatischem Geschlecht und biologischem Geschlecht, welche durch die Termini ‚weibliches‘ und ‚männliches‘ Geschlecht bzw. ‚weiblicher‘ und ‚männlicher‘ Artikel, obwohl es sich um grammatische Zuweisungen handelt, entsteht, werden differente Kategorien miteinander verknüpft und führen im Verbund mit dem generischen Maskulinum zu einer semantischen ‚Männlichkeitslastigkeit‘ der deutschen Sprache." Die Anwendung des "generischen Maskulinums" auf Personen beiderlei Geschlechts funktioniert so lange als Übereinkunft einer Sprachgemeinschaft, bis die Gruppe der Mitgemeinten, meistens ist das die "Gruppe" der betreffenden Frauen, für sich das Recht einfordert, explizit genannt zu werden. Daher ist Heilmanns Beobachtung durchaus zutreffend, dass Frauen durch den generisch-maskulinen Sprachgebrauch, den sich beide Geschlechter ja teilen, "weniger sichtbar" bzw. verdeckt werden. Das Beispiel "Alle Schweizer Bürger haben Stimmrecht." entlarvt das generische Maskulinum zudem noch als Scheinrealität – jedenfalls gilt dies bis in die siebziger Jahre -, denn die schweizerischen Frauen waren ja gerade nicht mitgemeint.
Dass die Umkehrung des Sprachgebrauchs auf ein "generisches Femininum" bzw. weibliche Pronomina oder aber der Austausch der Bezugspersonen in Redewendungen zu Verwirrungen führt, verdeutlichen solche Beispiele wie "Professorinnen haben einen interessanten Beruf." oder "Der Mann steht seine Frau." oder "Die Frau von der Straße.". Die einmal getroffene Festlegung erzeugt also einen sogenannten "morphosyntaktischen Zwang", der den Sprecher an die Sprachregeln bindet. Die deutsche Sprache weist nach Heilmann einen "Mangel" an Oberbegriffen (wie "Kinder" für Jungen und Mädchen oder "Eltern" für Väter und Mütter) auf. Dies zeigt sich besonders bei Berufsbezeichnungen, die bestimmte Berufswege für die Lebensplanung von Mädchen und jungen Frauen zumindest denkbar machen könnten.
Männliche Berufsbezeichnungen wurden zwar im Laufe der Zeit durch Hinzufügung einer weiblichen Endung auch für Frauen zugänglich, jedoch lässt sich nur selten (z. B. bei Kindergärtner/in) der umgekehrte Fall verzeichnen. Aus "Hebamme" wurde eben nicht "Hebammer", sondern "Entbindungshelfer", aus "Krankenschwester" wurde nicht "Krankenbruder", sondern "Krankenpfleger", obwohl es diese Bezeichnung früher gab. Und ein Sekretär wird sicher höher besoldet als eine Sekretärin, u. a. weil das Berufsfeld ein anderes ist.
Ich teile mit Heilmann die Überzeugung, dass das gekünstelte Kreieren von Weiblichkeit in der feministischen Sprachtheorie und Sprachpolitik nicht nur zu purem Unsinn führen kann wie etwa solche Wortungetüme wie "Bürgerinnensteig" oder "Anrufbeantworterin" bezeugen, sondern dass sie vor allem auch den Unterschied zwischen grammatischem Genus und biologischem Geschlecht erneut vernachlässigt. Durch derartige Transferbezüge auf unbelebte Gegenstände wird feministische Sprachkritik konterkariert. Diese Art und Weise sprachreformerischer Bestrebungen verfehlt sowohl die Aufhebung des "generischen Maskulinums" für reale Personen beiderlei Geschlechts als auch die Übertragung der weiblichen Form auf Unbelebtes das Ziel sprachlicher Emanzipationsbestrebungen.
Heilmanns Ausweg aus der Misere spielt sich allein auf der Ebene der Sprache als (grammatischem) System ab und beschränkt sich auf das Plädoyer für eine konsequente und präzise Analyse geschlechtsdifferenzierender Bezeichnungen. Damit lässt sie jedoch die Ebene der aktuellen Realisierung des Systems der Sprache durch das Sprechen außer Acht bzw. unbenannt. Aber hier gewinnen die Emanzipationsbestrebungen erst ihren tatsächlichen und praxisbezogenen Gehalt. Deswegen möchte ich Heilmanns Plädoyer an dieser Stelle ergänzen: und zwar um die praktische Seite sprachlicher Emanzipation, denn erst im konkreten Vollzug eines Sprechaktes, im Wissen um die manipulativ-rhetorische Dimension monologischen oder dialogischen Sprechens und in der Aufmerksamkeit auf körpersprachliche Elemente im Gesprächsverhalten können tradierte und neu entstandene Normen und Kommunkationsmuster immer wieder entlarvt und bewusstgemacht werden.
III.
Das Sprechen als ein geschlechtsbezogenes und körpersprachliches Handeln zu thematisieren, ist ein noch recht neuer Ansatz sprechwissenschaftlicher Forschung. Hervorgegangen ist er aus den Anfängen der deutschen feministischen Linguistik in den 60er Jahren. Damals begannen Wissenschaftlerinnen erstmals einzufordern, Sprachbenutzung nicht nur als Prozess unter anonymisierten, geschlechtslosen Wesen zu untersuchen, sondern die Beteiligten als sprechende Frauen und Männer wahrzunehmen und dementsprechend differenziertere Untersuchungen anzustellen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Sprech- und Gesprächsverhalten überwiegend an Männern untersucht, da diese die öffentlichen Redekontexte repräsentieren und die Norm darstellten, an denen sich auch Frauen orientieren und ihr differentes Sprechhandeln überwinden sollten.
Mit dem Übergang von der Defizithypothese zur Differenzhypothese verknüpfte sich die Vermutung, dass die Unterschiede nicht nur im biologischen Geschlecht zu suchen seien, sondern eine psychologische Prägung des Kommunikationsverhaltens anzunehmen ist. Die Parole vom "Doing-gender" entstand. Die Überlegungen von "Doing-gender" verweisen auf kulturell und subkulturell normierende Einflüsse beim Sprechverhalten. Das Aufweichen der dichotomen Kategorien "weiblich" und "männlich" eröffnete zuerst nur Chancen der Wähl- und Veränderbarkeit, später entwickelte sich daraus die Vorstellung von der arbiträren Konstruierbarkeit von Rollen, Sozialstrukturen und Sprachkonzepten..
Ausgangspunkt der Hypothese der Konstruierbarkeit von Geschlechtlichkeit ist die Vorstellung, dass das "Bild" von Weiblichkeit und Männlichkeit in der Gesellschaft auch ganz individuelle Vorstellungen von Geschlechtlichkeit zentral mitprägt. Die durch viele Arten von Interaktionen entstandenen und sich generisch erhaltenden Geschlechterdifferenzen werden in kommunikativen Prozessen als Aktreihen einer gemeinschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit bestätigt, abgeschwächt oder korrigiert. Der Terminus der "Konstruktion des Geschlechts" als Ausschöpfen von Möglichkeiten und Spielräumen oberhalb der biologischen Fundierung bekommt also spätestens seit dem Durchsetzen der Überzeugung der kulturellen und gemeinschaftlichen Konstruktion von Geschlechtlichkeit auch seinen philosophischen Ort.
Neueste pragmatisch orientierte sprachphilosophische Untersuchungen bleiben nicht bei der Erforschung rein sprachlicher Äußerungsakte unter verschiedenen gender-Aspekten stehen, sondern untersuchen die Performanz von Sprechakten umfänglicher, denn die Identitätskategorie Geschlecht wird immer auch in Interaktion mit anderen Kategorien wie Alter, ethnische Zugehörigkeit, Profession, sozioökonomische Situation etc. geprägt. Eine ausschließlich genderbezogene Fokussierung führt deshalb, wie Heilmann richtig sagt, zur Verzerrung von Ergebnissen.
In ihrer vor allem für junge Wissenschaftlerinnen interessanten Studie über Interventionen in Gesprächen stellte sie heraus, dass die Intervenierenden, also diejenigen, die das Rederecht erst erlangen möchten, in ihren paralingualen (Tonhöhenbewegungen, Lautheit, Sprechtempo, Pausensetzung und Sprechspannung betreffenden) und extralingualen (Körperbewegung, Hand-Arm-Gestik, Kopfhaltung, Blickrichtung betreffenden) Aktivitäten deutlich über der Intensität der entsprechenden Merkmale der bisherigen Sprecher liegen müssen, wenn sie mit ihrer Intervention Erfolg haben wollen. "Der intensive Einsatz von stimmlichen und körperlichen Ausdrucksmerkmalen", so Heilmann, "führt zunächst dazu, dass sie in ihrem Rederechtübernahmebegehren überhaupt wahrgenommen werden." Das trifft allerdings auf beide Geschlechter gleichermaßen zu. Trotzdem gib es anscheinend Unterschiede: "Soll einer Frau in gemischtgeschlechtlichen Gesprächen eine Intervention bei einem sprechenden Mann gelingen, muss ihr Merkmalsniveau deutlicher über dem des Sprechers liegen als in der umgekehrten Konstellation." Daraus folgt, dass Frauen offenbar für den gleichen Gesprächserfolg eines intensiveren stimmlichen und körpersprachlichen Einsatzes bedürfen als Männer.
Dieses Ergebnis lässt sich Heilmann zufolge mit tieferen und höheren Stimmen bei Männern und Frauen oder differenten Wahrnehmungsschwellen oder unterschiedlichem Raumverhalten "erklären" bzw. abtun. Und allein reicht dies auch nie zur Redeübernahme aus. Ein Interventionserfolg gelingt nämlich nur über die Verknüpfung mehrerer Merkmale, also z. B. Lautheit, Arm-Hand-Gestik, Pausensetzung, Sprechspannung zugleich. Das ist besonders interessant, weil die Annahme der Wirkung komplexerer Merkmale auch Menschen ganz unterschiedlicher Sprachbegabung und körpersprachlicher Veranlagung mehr Chancengleichheit im Gespräch einräumt: Körpersprachlich ruhigere Personen vermögen z. B. ihre Zurückhaltung über stimmliche Intensität auszugleichen, leise Sprechende können über distanzverringernde Gestikintensivierung gewünschte Kommunikationserfolge erreichen, Choleriker nehmen sich radikal in ihrem Temperament zurück usw.
Das bloße Vorhandensein von bestimmten Merkmalskomplexen reicht natürlich nicht aus für eine Intervention. Vielmehr muss die Veränderung "akzent- und ausdruckswertig" werden. Das heißt, sie muss auffallen und Signalcharakter tragen. Zudem ist ein Interventionserfolg auch nicht allein von den Anstrengungen des oder der Intervenierenden abhängig, sondern wird vielmehr vom Gesprächsverhalten der Sprechenden transportiert. Dem Sprechenden bzw. demjenigen, der gerade das Wort hat, obliegt es, einen anderen intervenieren zu lassen, denn er bzw. sie schafft erst die übergangsrelevante Stelle zum Ergreifen des Wortes, die die Intervenierenden "nur noch" nutzen müssen. Trotz Intervenierungsbegehren gelingt es deshalb oft nicht, einen monologisierenden Alleinunterhalter zu unterbrechen.
Ohne den allgemeinen Eindruck völlig zu nivellieren, dass Frauen im öffentlichen Kontext weniger übergangsrelevante Stellen im Gespräch nutzen, also weniger intervenieren, stellt Heilmann heraus, dass die Inanspruchnahme letztlich weniger vom Geschlecht als vom Status der jeweiligen Person abhängt. Das Merkmal "Geschlecht" hat demzufolge für den Erfolg von Interventionen einen deutlich geringeren Einfluss als die jeweilige Rolle der Gesprächsbeteiligten.
Die Frage ist jedoch, warum Frauen diese Stellen offensichtlich weniger nutzen als Männer. Oder anders gefragt: Warum räumen Frauen und Männer gleichermaßen weiblichen Wissenschaftlerinnen bzw. weiblichem Gesprächsverhalten so oft einen geringeren Status ein als ihren männlichen Kollegen bzw. männlichem Habitus? – Auf diese praktischen Fragen gab uns Christa Heilmann während der Wissenschaftlerinnenwerkstatt keine befriedigende Antwort, weder im Seminar noch in ihren Schriften.
Das Ausfüllen einer sozialen Rolle im Rahmen einer soziokulturell-psychischen Genderprägung bedeutet gleichzeitig, dass Personen, welche diese Rollen handelnd mitprägen, das Bild von Weiblichkeit und Männlichkeit in der Gesellschaft mit verändern können. Heilmanns Untersuchungen wären also Studien über die Kooperationsbedingungen und das wechselseitige Bedingungsverhältnis dieser immer schon unterschiedlichen Perspektiven ergänzend an die Seite zu stellen. Der Weg führt von sprechwissenschaftlichen Studien also weiter, z. B. zu soziolinguistischen Studien, die eben dieses wechselseitige Verhältnis beispielsweise der männlich-asymmetrischen und weiblich-symmetrischen Sozialisierung zum Thema machen. Sprachphilosophisch stände endlich ein echter linguistic turn statt des unter diesem Namen firmierenden real praktizierten logizistischen Paradigmas an. Dieser Dreh müsste sich aber zunächst aus einem starren sprachphilosophischen (Neo)Aristotelismus herauswinden.
Insgesamt aber hat Christa Heilmann gezeigt: Solange sich Menschen in ihren Rollenzuweisungen nicht wohl und nicht zu Hause fühlen, wird "ethische Gewalt" ausgeübt, um einen Ausdruck von Judith Butler zu benutzen. Das Zustandekommen und Funktionieren "ethischer Gewalt" lässt sich wahrscheinlich weder sprech- noch sprachwissenschaftlich allein erklären. Das komplexe Verstehen, Beschreiben und Erklären unserer Lebenszusammenhänge ist aber auch nicht nur diesen Wissenschaften vorbehalten, sondern erstreckt sich auf viele Wissenschaften sowie auf Kunst, Recht, Moral usw. Gender-Mainstreaming bleibt deshalb weiterhin ein konsequenter und ernst zu nehmender Leitgedanke moderner Selbstaufklärung.
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